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Face of a woman, head of a child
Karin Kneffel im Gespräch mit Cathrin Klingsöhr-Leroy
Cathrin Klingsöhr-Leroy:
Muttergottes mit dem Christuskind entwickelt sich als Skulpturentypus seit dem 4. Jahrhundert nach Christus. Zunächst in der byzantinischen Kunst – Mutter und Kind thronen, beide frontal, dem Betrachter gegenüber. Dann entsteht nach und nach in der Gotik seit dem 14. Jahrhundert ein Typus der Madonna mit Kind, der die emotionale Beziehung zwischen Mutter und Kind thematisiert. Er erreicht seinen Höhepunkt um 1500. Aus dieser Zeit stammen die Vorbilder deiner Gemäldeserie Face of a woman, head of a child?
Karin Kneffel:
Ja, bei der Entscheidung für oder gegen ein Motiv aus meinem schon über Jahre gesammelten Bildarchiv lag mein Hauptaugenmerk auf farbig gefassten Holzfiguren aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Mich interessierte die menschliche Dimension, die der Muttergottes innewohnt, und so wollte ich sehr realistische, gegenwärtige Porträts malen. Dabei schienen mir die von einem Künstler geschnitzten und von einem anderen, dem Fassmaler, bemalten Figuren am geeignetsten, weil sie noch lebensnäher und ausdrucksstärker waren. Bei den frühen byzantinischen Figuren rückt die Madonna sehr in den Hintergrund, sie thront nicht, sie wirkt fast selbst wie ein Stuhl, auf dem Jesus, der Hoffnungsträger, thront und sie ist ganz dem göttlichen Willen unterworfen, eine unbefleckte Empfängerin, Mittlerin zwischen den Welten und irgendwie auch Leidtragende. Bei den Figurenpaaren aus dem 15. und 16. Jahrhundert brachten die Bildhauer ein großes Maß an Subjektivität in ihre Skulpturen ein, es waren sehr individuelle, eigenwillige, fast emanzipierte, aber auch liebevolle und zugewandte Frauendarstellungen. Das Überirdische und Religiöse trat in den Hintergrund.
CKL:
Gibt es eine besondere Skulptur, eine besondere Begegnung mit einem Werk (vielleicht im Museum), die dich zu deiner Serie Face of a woman, head of a child inspiriert hat?
KK:
Die gibt es. Daraus entstand dann auch später mein erstes gemaltes Doppelporträt. Ab da machte ich keinen großen Bogen mehr um Muttergottesdarstellungen, denn hier rückten für mich zum ersten Mal das religiös geprägte Bild des Mutterseins und die Idealisierung der Darstellung in den Hintergrund. Ich sah diese fast lebensgroße Muttergottes mit Kind im Kirchensaal des Museums Wiesbaden, welche um 1500–1510 entstanden ist, stand wie gebannt vor dieser jungen, ausdrucksstarken, individuellen Frau und sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf, ihr Blick, ihr Teint, die Lebendigkeit, die liebevolle Zuwendung zum Kind. Der historische Kontext war zweitrangig. Die beiden Figurenpaare, die ich hier im Museum in Kochel zeigen werde, gehören übrigens auch zu den ersten, welche ich malte, sie tragen die Nummer 4 und 5 (von aktuell 25 Paaren).
CKL:
Hat das Entstehen dieser Gemäldeserie auch etwas mit deiner privaten Situation zu tun? Mit der Geburt deines Enkelkindes, das ganz in deiner Nähe lebt?
KK:
Nein, das nicht. Aber nachdem ich einige Porträts von Müttern und ihren Kindern, jeweils separiert auf eigenen Leinwänden und möglichst befreit von religiösen Attributen wie Schleier, Krone, Heiligenschein gemalt hatte, wirkten die Madonnen immer lebendiger und realer, fast wie Individuen aus dem Diesseits. So entstand die Idee, sie mit realen Menschenbildern zu kombinieren, und da lag es sehr nah, mich in meinem näheren familiären Umfeld umzusehen. In der Nähe der Skulpturenporträts verwandelten die Familienporträts ihre Gestalt und wurden skulpturaler, und umgekehrt wirkten die historischen Figuren noch lebendiger und zeitgenössischer. Das Porträt meiner Schwiegertochter wurde zu einer modernen Ikone.
CKL:
Beim Betrachten der Bildpaare hat man den Eindruck einer gewissen Verwandtschaft oder Ähnlichkeit von Mutter und Kind. Ist das nur einer stilistischen Prägung durch den Bildhauer geschuldet? Oder dient es vielleicht auch dazu, ihre Nähe zu unterstreichen?
KK:
Da spielt sicher alles ein bisschen zusammen. Für die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Kind spricht natürlich meine Vermutung, dass es die Künstler im 15. Jahrhundert auch nicht anders gemacht haben und ihre Modelle (Ehefrau, Geliebte, die eigenen Kinder) im näheren familiären Umfeld gesucht haben. Manchmal kann man wohl auch nicht sicher sein, ob ein gleiches nach unten verrutschtes Auge bei Mutter und Kind genetisch bedingt, bildhauerische Handschrift oder handwerkliches Defizit ist. Ich habe die von dir erwähnte große Nähe zwischen Mutter und Kind oft gar nicht so empfunden. Die Muttergottes sieht immer anders aus, sie ist weder klischeehaft schön, noch schaut sie besonders innig zu ihrem Kind. Oft empfinde ich eher eine emotionale Distanz. Die Mütter wirken häufig sehr verschlossen, in sich gekehrt, fast apathisch manchmal, oder haben sogar einen eher ekstatischen Gesichtsausdruck.
CKL:
Die Serie Face of a woman, head of a child ist sicher eine malerische Herausforderung, denn es geht darum, die plastische Dimension und die spezielle Materialität der Skulpturen wiederzugeben. Hat das für dich mit malerischer Virtuosität zu tun? Man könnte in diesem Zusammenhang – und um in der Renaissance zu bleiben – an Jan van Eyck oder Rogier van der Weyden denken, an ihre Grisaillemalereien, die Architektur und Plastiken aus Stein oder Holz täuschend ähnlich wiedergeben.
KK:
Virtuosität ist für mich kein Kriterium. Ich suche die beste Lösung für meine Idee und die entsprechende formale und kompositorische Umsetzung. Was ist die richtige Größe, der richtige Ausschnitt? Wie setze ich etwas ins Bild? Was ist mit dem Bildraum und der Bildtemperatur? Wie werde ich dem Bildgegenstand gerecht? Wie sieht es überhaupt mit der Ähnlichkeit zum Motiv aus? Was lasse ich besser weg? Bei meinem Versuch, mit Pinsel und Farbe die zerbrechliche Oberfläche einzufangen zum Beispiel, bekam die Haut durch die Farbschichtung eine leicht durchscheinende Transparenz und aus Holzwurmlöchern wurden Leberflecken oder Sommersprossen. Wie kann ich die gewünschte Stofflichkeit, Transparenz und Oberfläche erzielen, die der Idee zuträglich sind? Wie weit trägt die Idee überhaupt? Habe ich mich überfordert? Gerät ein handwerkliches Problem zu sehr in den Vordergrund?
CKL:
Deine Werke werden in der Ausstellung Mit anderen Augen mit Darstellungen von Mutter und Kind im Expressionismus kombiniert. Wie siehst Du diese Bilder von Otto Müller, Max Beckmann, Paula Modersohn-Becker oder Max Beckmann? Gibt es so etwas wie ein die Jahrhunderte überdauerndes »Ewig Mütterliches«?
KK:
Das sind wunderbare Arbeiten und ich freue mich, meine eigene, andere Sicht hinzuzufügen. Ob es das die Jahrhunderte überdauernde »Ewig Mütterliche« gibt? Solange es Mütter gibt, wird man sicher vom Mütterlichen sprechen. Nur haben sich die Rollenbilder im Laufe der Zeit verändert, aber die traditionellen Vorstellungen sind immer noch tief verwurzelt. In unserem Sprachgebrauch wird das Mütterliche mehr mit Aufopferung und Selbstlosigkeit verbunden, während im Unterschied dazu Väterlichkeit eher mit Herzensgüte und Beschützen gleichgesetzt wird. Und es kommt nicht von ungefähr, dass ich auf fünf weiteren Porträts die Figur des Josef, der sich eines fremden Kindes angenommen und es großgezogen hat, zum Thema gemacht habe.
CKL:
Eines der Gemälde, Franz Marcs Mädchen mit Katze, passt eigentlich nicht in diesen Raum und doch ist es gerade dieses Gemälde, das den Bildtypus Madonna mit Kind unverkennbar aufruft: die zwischen Vorhängen thronende Madonna, die ihren liebevollen Blick dem Kind – in diesem Fall ein Kätzchen – zuwendet. Der Typus bleibt verfügbar – über die Jahrhunderte hinweg, bis heute. Bei dir erfährt er jedoch eine besondere Veränderung: Mutter und Kind sind getrennt, auf zwei Leinwänden dargestellt. Wie bist du zu dieser Entscheidung gekommen?
KK:
Gerade weil der Typus über die Jahrhunderte hinweg bis heute verfügbar bleibt und ich dem Überirdischen keinen Platz einräumen wollte, bin ich mit allen Versuchen gescheitert, beide auf ein Bild zu bannen. Erst die Entscheidung der getrennten Darstellung hat es mir möglich gemacht, sie überhaupt zu malen und dabei den Gegenwartsbezug und die menschliche Dimension im Fokus zu haben.
Interview anlässlich der Ausstellung »Mit anderen Augen« im Franz Marc Museum, Kochels 2024
Katalog Hirmer Verlag, ISBN 978-3-9824-6170-0
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